Ich habe gestanden. Ich bin gestanden.
Wo liegt da der Unterschied?
Damals, im Deutschunterricht an der Sprachenschule Siegerland bei Herrn Schuffenhauer, wurde ich von ihm mal ausgelacht, als wir das Thema Welches Hilfsverb zu welchem Verb? behandelten. Es ging genau um diese beiden Varianten, und er fragte in die Klasse, ob zu stehen das Hilfsverb haben oder sein gehört. Keines der Mädels (wir waren nur Mädels) antwortete. Sogar wir Muttersprachler rätselten. Ich meldete mich schüchtern und meinte: „Ich bin gestanden?“ Er lachte: „Jo mei, des klingt jo glei so richtick bayrisch! I bin do g’standen! Haha!“
Er hatte natürlich Recht! Und wenn man etwas drüber nachdenkt, kommt es ja auch noch auf den Zusammenhang an. Habe ich ein Verbrechen gestanden oder habe ich an der Bushaltestelle gestanden? Oder bin ich an der Bushaltestelle gestanden? Nein! Doch! Oooh! Aber nur in Bayern.
Und jetzt wird’s grammatisch: „Er ist ein gestandener Mann!“, also ein toller Bursche, der alles in seinem Leben geschafft hat. In diesem Falle ist gestanden sogar ein zu einem Adjektiv mutiertes Partizip!
Ich habe geschafft. / Ich bin geschafft. – Noch so ein Fall mit zwei Bedeutungen.
Ihr seht, das ist nicht so ganz einfach. Da ploppt ja gleich eine Frage auf: Gibt es denn dazu eine Regel, wann man das Perfekt mit „haben“ oder mit „sein“ bildet? Regeln zur Anwendung gibt es tatsächlich! Man kann Gruppen bilden:
Verben, die eine (Fort)Bewegung bzw. eine Veränderung des Zustands beschreiben, werden mit sein konjugiert. Fast alle anderen Verben werden mit haben konjugiert.
Probe aufs Exempel: Ich bin zur Arbeit gefahren. Du bist ja dünn geworden! Er ist zu Fuß zur Arbeit gegangen. Sie ist mit dem Auto gefahren. Es ist verändert worden. Wir sind nach Italien gereist. Ihr seid am Seeufer spazieren gegangen. Sie sind im Laufe der Zeit immer mehr geworden.
Das passt ja schon mal. Und wie ist es jetzt mit „haben“?
Ich habe einen Kaffee getrunken. Du hast den Weg zur Arbeit gefunden. Er hat mich angelogen. Sie hat den Einkauf erledigt. Es hat geregnet. Wir haben die Hecke geschnitten. Ihr habt den Baum gefällt. Sie haben sich beim Bushäuschen untergestellt.
Passt auch.
Und wie ihr am obigen Beispiel gesehen habt, gibt es Verben, die sowohl mit haben als auch mit sein funktionieren – aber sie erfahren dabei einen Bedeutungswechsel! Also: Vokabeln lernen ist angesagt! Wie macht man sich das leichter? Na, eine Checkliste anlegen! Ich würde eine Excel-Tabelle anlegen (oder halt ein anderes Format) und dort notieren, welche Verben mit welchem Hilfsverb konjugiert werden, Beispiele für jedes Personalpronomen notieren – und später, wenn sich das Wissen verstetigt hat, eine Liste extrahieren und in ein neues Tabellenblatt schreiben mit den Verben, die ich mir nicht gut merken kann. Dazu holt man sich die am häufigsten gebrauchten Verben (Grundwortschatz) und füllt sie in die erste Spalte. Die Spalte daneben wird mit dem entsprechenden Hilfsverb gefüllt und daneben kann man dann die Beispielsätze schreiben.
So, ich versuche mich mal im Befolgen meiner eigenen Vorschläge. Hier ist das Ergebnis:
Hier eine Liste von häufig gebrauchten Verben mit haben und/oder mit sein
Der Kürze wegen habe ich nur die erste Person Singular (ich) als Beispiel genommen. Ihr könnt das gerne durchkonjugieren.
Bei Verben, wo die 1. Pers. Sg. nicht gut funktioniert (z. B. regnen), habe ich natürlich eine andere Person genommen (3. Pers. Sg. = es regnet).
Bei einigen Verben habe ich eine Variante mit anderer Vorsilbe in die Liste eingetragen.
Manche Verben funktionieren besser mit einer anderen Person als mit 1. Pers. Sg.
Man kann diese Liste noch erweitern und sich besondere Satzbeispiele ausdenken.