Akzente in der französischen Sprache (und ein bisschen Kochkunst)

Akzente dienen der Betonung von Wortteilen und klären Bedeutungsunterschiede. Allerdings gibt’s auch hier mal wieder Ausnahmen bezüglich der Wortbetonung: Ein Wort kann nur eine Silbe haben, auf der der Hauptakzent liegt. Im Französischen gibt es einige Wörter, die dennoch einen Akzent auf einem anderen, unbetonten Buchstaben haben oder sogar mehrere Akzente in einem Wort aufweisen: créé, été, Cléopâtre, créèrent, ebenso das Verb tâcher, bei dem trotz des Akzents auf ersten Silbe die zweite betont wird, also -er.

Es ist also ein Unterschied in der Aussprache, ob ich cave (Keller) sage oder Cavé (ein Familienname).

Es gibt drei Akzente ((frz.: un accent, les (deux, trois…) accents)):

a. accent grave (`) (dt. „Gravis“) (merken: grave = schwer, heftig)
b. accent aigu (´) (dt. „Akut“) (merken: aigu = spitz, scharf)
c. accent circonflexe (^) – (dt. Zirkumflex – spaßeshalber auch „Aksóng Cornflakes“ genannt)

Was hat es nun damit auf sich?

Der accent grave (Gravis) bewirkt, dass zum Beispiel der Buchstabe e, mit Gravis è, eher wie ein offenes ä ausgesprochen wird. Außerdem zeigt er Bedeutungsunterschiede an (zum Beispiel a = hat -> à = bei, mit, von…).

Ein beliebter Fehler von Deutschen ist das falsche Setzen der Akzente zum Beispiel in Wörtern wie crème brûlée, die ja gerne und oft gegessen wird, und nicht nur in Frankreich. Das Wort creme ohne Akzent existiert nicht, da ein e ohne Akzent üblicherweise nicht gesprochen wird. Man spricht [kræm] – was nur bedingt etwas mit dem Krämer zu tun hat: Ein Krämer handelt – und schmiert vielleicht dabei auch.

Da wir in crème aber ein offenes ä hören, hat das Wort einen accent grave.
Das Wort brûlée (1611: brusler; 3. Pers. Sg. il brûle mit stummem e) hat zwei Akzente. brûlé ist das Partizip Perfekt im Maskulinum Singular, im Femininum Singular hängt man ein akzentloses e an: brûlée. Die crème ist weiblich, also brûlée. Der Infinitiv hat mit brüllen nichts zu tun: brûler = (ver)brennen, aber – Achtung! – Eselsbrücke: man brüllt, wenn man sich verbrennt. Das Partizip Perfekt ver-/gebrannt lautet demnach brûlé (Maskulinum Singular) und brûlée im Femininum Singular. Die Pluralformen lauten brûlés bzw. brûlées. (Zum accent circonflexe steht etwas weiter unten noch eine Erläuterung.)

Man setzt den Akzent immer auf das erste e, wenn das Wort ein Doppel-e hat! Also nicht brûleé schreiben! Sonst muss ich mal kurz brüllen. Das Kartoffelpüree trifft’s auch: la purée de pommes de terre

Der accent aigu bewirkt, dass zum Beispiel der üblicherweise stumme Buchstabe e (mit Akzent: é) geschlossen und nicht wie ein offenes ä ausgesprochen wird [e]. Außerdem zeigt er üblicherweise an, welche Wortsilbe betont wird: brûlé (dt. verbrannt/gebrannt / zweite Silbe).

Eigentlich ist es doch ganz einfach: „À titre d’exemple, l‘accent aigu du français modifie la valeur phonétique d’un e, généralement prononcé [ǝ] (e « muet ») : é vaut alors [e]. L‘accent grave sur un a permet de distinguer des homographes : la (article) ~  (adverbe de lieu), valant tous deux [la] en français (ils se distinguent à l’oral dans certains dialectes du français). Le é et le à ne sont pas considérés comme des lettres indépendantes de e et a.“ Tutto capito? (Quelle: https://fr.wikipedia.org/wiki/Accent_grave_en_français

Hier die Übersetzung (etwas gekürzt): Beispielsweise ändert der Akzent Akut im Französischen den phonetischen (Aussprache-) Wert eines e, das im Allgemeinen stumm bleibt, und ein é wird zum [e]. Der Gravis auf einem a (à) erlaubt die Unterscheidung gleich geschriebener Wörter (Homographen). la ist ein Artikel, = Lokaladverb (dort, da). Die Buchstaben é und à sind keine eigenständigen Buchstaben wie e und a.

Eine Besonderheit ist das Wort sec (trocken) im Maskulinum Singular, so wird es zu sèche (weiblich, Singular) und séché/séchée/séchés/séchées (getrocknet, Partizip Perfekt in den mask/fem/Singular/Plural-Formen).

So, und jetzt gibt’s Cornflakes:

Ein Zirkumflex (von lateinisch [accentus] circumflexus „herumgebogen“, (…) französisch [accent] circonflexe), auch Dachakzent,[1] auch bekannt als CaretDachHut, Einschaltungszeichen oder – haha – Accent Cornflakes, ist ein diakritisches Zeichen, meist zur Kennzeichnung einer besonderen Aussprache oder Betonung eines Buchstabens. Es ist ein nach unten offener spitzer Winkel (Dach) über dem Buchstaben (zum Beispiel â, ĉ, ê), entspricht also graphisch einem vertikal gespiegelten oder um 180 Grad gedrehten Hatschek (wie zum Beispiel č [über c]). (Quelle: Wikipedia plus Anm. des Cornflakes von mir)

Man findet ihn oft in Wörtern, die in früheren Zeiten einmal ein s beinhalteten oder – wie im Deutschen – auch heute noch haben, ein s, das nach dem heutzutage â/ê/î/ô/û geschriebenen Buchstaben stand (Kruste/croûte, finestra->fenestre->fenêtre->Fenster usw.). Das s entfällt sozusagen und wird durch den ^ ersetzt. Spart ein bisschen Tinte.

Weitere Stolperfälle (ich wollte zunächst spezielle Kochkunst-Wörter mit Akzent aufschreiben, mais alors les chevaux m’ont emporté – nein, keine Haare zum Mitnehmen, sondern die Pferde gingen mit mir durch) mit und ohne Akzent:

Fische haben arêtes (Gräten, aus dem Lateinischen aresta).

Die Früchte vom Kapernstrauch sind câpres, in eingelegtem (mariniertem) Zustand nennt man sie câprons; hier ersetzt der circonflexe allerdings ein zweites p, der Strauch heißt botanisch capparis.

Le caviar d’aubergine ist kein Rogen der Aubergine, sondern ein Auberginenpüree. Der Grund dafür liegt vermutlich im Zaubertrank-Bottich von Miraculix.

Un chou à la crème ist kein eingeschmierter Kohlkopf, sondern ein mit Sahne gefüllter Windbeutel. „Oh, mon petit chou!“ sagt man in Frankreich, wenn Deutsche „Schnuckiputz“ ausrufen. Bleibt zu klären, was die so Angeredete schöner findet.

La compote (bei uns ein Neutrum: das Kompott) hat keinen accent circonflexe, weil es zunächst nichts mit Kompost zu tun hat, es sei denn, es sei missraten oder schmeckt nicht, aber auch dann bleibt es ohne ^.

Das deutsche Kotelett ist entlehnt aus dem frz. côtelette (die kleine Seite), aber im Plural werden daraus die Koteletten eines Mannes, die aber – verflixt nochmal! – im Französischen favoris genannt werden (was an solchen Koteletten zu bevorzugen ist, muss man mir noch erklären).

La crème fraîche wird in deutschen Kühlregalen auch so aufgefunden. Gibt’s dafür überhaupt einen deutschen Begriff? Schmand? Nein, das ist crème aigre, die englische sour cream, aus der dann wiederum die saure Sahne wird. Und die entrahmte Milch heißt – Achtung: Ausnahme! – le lait écrémé – warum auch immer das mittlere e einen aigu bekommt. Wir geben uns dann mal ganz französisch und übernehmen den Begriff.

Landauf, landab in Deutschland gerne verspeist sind crêpes (von ital. crespelle). Wie schnöde klingen da die Pfannkuchen (oder im Siegerland: weiße Kooche). Wer wissen will, woher die crespelle kommen, landet bei Fritten, ähm… le fritte. Das ist der Plural von la fritta = das Gebratene, präziser: das in Öl schwimmend Ausgebackene. Und das sind ja auch unsere Fritten, die mehr und mehr durch „Pommes“ ersetzt werden (deutsch ausgesprochen, also auf keinen Fall [pomm]! [pommes] sind das Lieblingsessen vieler Menschen. „Kann ich mir mal ’ne Fritte leihen“, fragte man früher, bevor man sich eine vom Schälchen des Kumpels stibitzte. Wie soll das heute heißen? „Kann ich mir mal ’ne Pomme leihen?“ Nee, funktioniert irgendwie nicht.

Ein Hahnenkamm ist im Französischen, obwohl nur Hähne so ein alarmrotes Ding auf dem ziemlich kleinen Köpfchen haben, weiblich: la crête de coq, die Hennen (Hühner) haben da nicht so viel Kopfschmuck sitzen. Und wer schon mal in den Vogesen war, ist vielleicht über die Route des Crêtes gefahren, hoffentlich ohne einen Hahn umzunieten. Der Hahnenkamm sitzt also auf dem Kopf (la tête, lat. testa) ganz oben, woher, ergo, auch die Kammstraße führt. Bei testa fällt mir ein Ferrari-Modell „Testarossa“ ein, das deswegen so heißt, weil die Zylinderdeckel rot lackiert sind. Was es nicht alles gibt…

Croque Monsieur und Croque Madame, die beliebten fetttriefenden Brotscheiben mit Käse und Kochschinken sowie reichlich sauce Béchamel (Becher Mehl?!?!) – und auf die Dame kommt ein Spiegelei. Lecker!

Ein éclair ist kein Blitz, sondern etwas zu essen: ein mit… na??? crème gefülltes längliches Teilchen aus Brandteig (pâte à choux, warum der so heißt, weiß ich nicht, denn choux ist der Plural von chou = Kohl), also wie ein Windbeutel in länglicher Form (-> Sturmsack, die es auch in nichtessbarer Variante gibt -> Windsack oder seemännisch „Verklicker“). Man weiß gar nicht, wo man mit den Wortspielen anfangen soll!

Un financier ist kein Geldgeber, sondern ein durchaus essbares Mandelbiskuit.

Le gâteau ist ein Kuchen, Etymologie https://fr.wiktionary.org/wiki/gâteau

Le gîte ist eine Haxe/Hachse, vermutlich weil der Körper auf Beinen ruht (Ici gît „Hier ruht“ steht auf Grabsteinen, und le gîte ist auch ein Sitz, genauer gesagt eine Bleibe im weitesten Sinne; la gîte existiert auch, aber in der Bedeutung Krängung, wenn ein Schiff sich auf die Seite legt, zum Beispiel nach Backbord = bâbord, ein Fachbegriff, den die Franzosen aus dem Niederländischen übernommen haben, wo es bakboord heißt: „Die Wörter bakboord/stuurboord stammen vermutlich aus dem Altnordischen, die Sprache, die die Wikinger sprachen. Sie steuerten (stýri = steuern) ihre hölzernen Schiffe mit einander überlappenden Planken (borða = Planke) mit einem Riemen, der immer an der rechten Seite befestigt war. Dort war also Steuerbord. Der Rudergänger, der den Riemen mit beiden Händen festhielt, stand mit seinem Rücken (bak; s. auch engl. „back“ = „rück“) zur linken Schiffseite, daher entstand die Bezeichnung „Backbord“. (eigene Übersetzung aus der niederländischsprachigen Wikipedia-Seite https://nl.wikipedia.org/wiki/Bakboord_en_stuurboord So, dann wäre das auch endlich mal geklärt. Jetzt kann man es sich besser merken. Und das alles wegen einer Haxe.

Une infusion kann man trinken, denn Kräutertee wird einem nicht injiziert.

Aus dem deutschen Gugelhupf (Kugelhupf) wird ein französisch-schlanker kouglof. Kaum wiederzuerkennen.

Un macaron hat nichts Präsidiales (Monsieur Macron), sondern es ist ein aus Mandelteigmasse hergestellter gefüllter Kalorien-Doppeldecker in bunten Farben (bei uns die meistens weißen (Kokos-) Makronen/Makrönchen).

Das Verb mâcher bedeutet kauen und le mâchoire ist ein „Kauer, Zermalmer“ -> Backenzahn.

Eine mûre ist weder eine Mauer noch eine Mure, sondern eine Brom-, Maul- oder andere Beere, und wenn sie reif ist, ist sie mûr (fem. mûre). Eine reife Brombeere ist une mûre mûre, murmelt man (Gemurmel: murmures, ohne Akzente).

Bitte oignons infolge der Aussprache (korrekt [ɔɲɔ͂]) nicht mit rognons verwechseln (Zwiebeln vs. Nierchen), wie es mir mal passiert ist und ich verständnislos auf meinen Teller guckte, den meine Gastfamilie mir servierte (ich war 17 und hatte von Nierchen keine Ahnung, bis heute nicht, man muss nicht alles essen).

Un palmier ist nicht nur eine Palme, sondern auch ein Schweinsöhrchen aus Blätterteig.

Paris-Brest ist kein Road Movie, sondern ein leckeres Teilchen in bejgel-Form, oft gefüllt mit einer kalorienreichen… na??? crème, genauer gesagt: einer Buttercreme mit Pralinenbestückung. Cinq minutes pour la mange, cinq ans sur tes hanches.

pâte/pâté = Teig o. Pasta/Pastete -> pâtisserie (Konditoreigebäck)

la pêche = Fischerei bzw. Pfirsich / le pêcher = Pfirsichbaum oder als Verb fischen – überlegt mal, was Pfirsiche fischen heißen könnte

Eine Kartoffel (la pomme de terre = Erdapfel, Kölsch: Erpel) wird geschält: pêlé (da weiblich: pêlée) (nein, der Fußballer hat mit pêlé nichts zu tun) und ein pêle-mêle ist ein Durcheinander, nicht nur kulinarisch (mêler = mischen).

Le potage ist ein Eintopf, hier kein ô, weil er nichts mit der Post, sondern mit einem aus dem Prä-Keltischen bis heute nachzuvollziehenden Pott zu tun hat.

Profiteroles sind nicht profitgierig oder von Profiteuren vertriebene Röllchen, sondern süße Häppchen zum Dessert; man servierte sie früher als kleine Dazugabe („petit profit“). Die Historie kann man hier nachlesen: https://www.verygourmand.com/de/blog/detail/pourquoi-les-profiteroles-sappellent-elles-ainsi-/?srsltid=AfmBOorA1MPUI_NEydMuhVuGZW8mYAaml8_aTH3lzrvGwOIHP7J3Z763

Käse reibt man – on râpe le fromage sur une râpe – sozusagen auf einer Raffel. In der Schweiz raffelt man mit einer Röstiraffel die Kartoffeln fürs Rösti.

Der Zustand rissolé (= gebraten) trifft meist bei Kartöffelchen zu; irregeleitet durch die offene Aussprache des o, oft fälschlich risollé geschrieben, obendrein die lateinische Herkunft verkennend: russeolus = rötlich, wenn die Kartöffelchen während des Bratvorgangs eine rötlichbraune Kruste (croûte) annehmen; mehr dazu hier: rissole). Viele streuen sich gerne ein paar croûtons auf die Suppe (hier bekommt das Krüstchen eine alternative Bedeutung, besteht es doch zumindest im Siegerland üppigerweise aus einem panierten Schnitzel auf Brotscheibe mit Fritten und Salatumrandung). Der Begriff casse-croûte bezieht sich darauf, dass man beim Essen meistens eine baguette („Stäbchen“) auseinanderbricht, um sie stückweise mit Genuss zu verspeisen, Saucen aufzutunken und natürlich als Sättigungsbeilage. In Frankreich ist es übrigens gar nicht schlimm, wenn die baguette-Brocken neben dem Teller auf dem Tischtuch landen und dort Krümelmonster spielen.

Ein ragoût hat auch ein Dach (Etym.: ragoûter = den Gaumen reizen; goût = Geschmack), womit wir beim „Munddach“ wären. Kein Scherz: https://de.wikipedia.org/wiki/Gaumen

Une religieuse ist in der Konditorei keine Nonne, sondern ein unwiderstehliches Brioche-Teilchen, bestehend aus einem größeren Kugel-Unterteil und einem kleinen Köpfchen. Besteht da etwa irgendein Zusammenhang??? Das Ganze ist obendrein nappiert mit einer mittelbraunen Schokoladensauce und die beiden Kugeln sind mit einer Schicht Buttercreme verbunden. (nappieren = mit einer Crème überziehen, begießen; den Ursprung des Wortes und die weiteren Bedeutungen könnt ihr im Wiktionary nachschlagen, am besten das auf Französisch)

A propos braten: Der Braten ist ein rôti mit ô. Dasselbe Wort ist auch ein Partizip Perfekt (Infinitiv: rôtir). Der Braten wäre im Französischen also „der Gebratene“. Die zu bratenden Leckerlis hüpfen bei zu hoher Hitze in der Pfanne herum, also hat man noch das Verb faire sauter („springen lassen“) für braten eingeführt. Die Bratpfanne ist demnach eine sauteuse und hat mit „sauteuer“ nur bedingt etwas zu tun, je nachdem, welche Marke man kauft.

Le rumsteak wird nicht in Rum gegart, die Franzosen haben das „p“ einfach in die äh… Fanne gehauen.

Le suprême ist eine Geflügelbrust im Gastro-Slang, das beste Stück der Geflügelbrust, aber nicht der Oberste Gerichtshof (engl. supreme court).

Une terrine ist keine Suppenschüssel, sondern eine Fleischpastete.

Und zum Schluss doch noch was zum Thema Akzente: im Wikipedia-Artikel über die crème chiboust liest man eine schöne Kreation: La crème chiboust a été créée par…. Schöne Akzentuierung! Auf Grammatisch ist dies das Partizip Perfekt von créer im Singular Femininum. Die crème chiboust ist ein französisches Spezialrezept: eine „verklebte“ Konditorcreme (eine Creme, der Gelatine hinzugefügt wurde) plus italienische Meringue. Eine extra cremige Mischung. Fröhliches Mischen! Monsieur Chiboust war ein Pariser Konditor.

Und wem das alles zu viel ist, halte sich an die Orthographieregeländerungen aus dem Jahr 1990. Ich halte davon nichts. Deswegen schreibe ich dazu nichts.