Die Rechtschreibreform von 1996 mit ihren Rück“verbesserungen“ in den Jahren 2004/2006/2011/2017 und 2018 (sic!) hat uns verwirrt: Wurde das ß nun abgeschafft oder nicht? – Nein, der Buchstabe ß wurde nicht abgeschafft, jedenfalls nicht völlig.
Erst mal zu das/daß/dass:
“das” = Artikel (der, die, das): Das Auto ist neu. Das Wetter ist gut. Das Glas ist halbvoll. Klar?
“das” = Relativpronomen: Das Auto, das ich gekauft habe, ist ein Neuwagen. Das Wetter, das gestern noch gut war, ist heute schlecht. Das Glas, das ich vor mir habe, ist halbvoll. – Nicht so schwer zu verstehen, oder?
daß = Schreibweise für das Bindewort vor der Rechtschreibreform
dass = neue Schreibweise (keine Änderung der Bedeutung!)
Dass ich das noch erleben darf! Hast du gelesen, dass die Großbaustelle am Schleifmühlchen nächste Woche eingerichtet wird? Wer meint, dass der Verkehr das verkraftet, ist ein Optimist.
Genauso Wörter, die früher mit ß geschrieben wurden (Straße, Grüße), werden heute immer noch so geschrieben. Warum auch nicht? Erkennen kann man es, ob man Straaaaaße/Grüüüüüße spricht oder Trasse/Flüsse mit kurzem Vokal. Was ein Vokal ist? Na, a/e/i/o/u! Notfalls hilft ein Blick ins Wörterbuch. Auch bei Spaß und Fußball: kein ss!!!! Sonst spreche man es halt auch so aus: “Wir wollen Schbass beim Fussball haben, juhu!”
Dann noch die – Achtung! schweres Wort! – Diphthonge ei/au/äu/eu/ie.
Es gibt tatsächlich Menschen, die glauben, dass man danach kein ß mehr schreiben darf. Dem ist aber nicht so! Es heißt “außen/außer // beißen/heiß/heißen/kreißen/reißen/schweißen/weiß // Preußen // scheußlich // äußerlich // Spießbürger/” (usw.). (Wenn Sie jetzt meinen, dass man ja auch ‚fiese Mäuse‘ ohne ß schreibt, dann schauen Sie bitte in Grimms Wörterbuch, wie sich die Wörter im Laufe der Geschichte entwickelt haben.)
Zur Erinnerung: Vor der Rechtschreibreform hörte man auf den Zischlaut. Wird das s/ß/ss “scharf” oder “stimmhaft” ausgesprochen?
– reisen, Weise, Amsel, leise, Speise… (stimmhaft)
– Drossel, Wasser, Klasse, Masse…
– Buße, Faß, Fuß/Füße, Gruß/Grüße, Maß (scharfes s), Muße, reißen, Schluß, Schuß, Spaß, weiß… die Vokallänge (aaaa oder a) interessierte hier nicht, aber am Schluß muß ein ß stehen (die Pluralformen Fässer/Schlüsse… werden deshalb mit ss geschrieben, weil die Silbe sich öffnet/erweitert)
Das ß bildete also die Silbengrenze und sorgte für leichtere Lesbarkeit:
eßbar, Faßbrause, Fußball, Grußkarte, Maßhaltigkeit, Meßergebnis (nicht: Messer-Gebnis!), Mißstand, Schlußspurt, Spaßbremse…
Heute richtet sich die Schreibung s/ss eher nach der Aussprache:
langer Vokal (aa, ee, ii, oo, uu) = ß / kurzer Vokal (a, e, i, o, u) = ss
Oje, und die Wörter mit nur einem s gibt’s ja auch noch: Eis, leise, Meise, Reis, Reise, Schneise, weise, Laus, Maus, Pause, raus, fiese Läuse….
Eigentlich hatten die Sprachreformer die Absicht, es den Sprechern und Schreibern (und Fremdsprachenlernern) leichter zu machen. Das ging hier aber gründlich schief, denn früher waren nur zwei, heute aber sind drei Versionen zu lernen. Warum machen wir es uns immer so schwer? Kein Wunder, dass Schreiber heute abwinken und die Wörter nur noch mit “ss” schreiben bzw. nur noch eine Form des das kennen, nämlich das. Zu mühsam, sich das alles zu merken? Bin gespannt, wann der DUDEN drauf anspringt und uns diese immer mehr um sich greifende Schreibweise als allgemeingültige Regel verkauft.
Sie sollten sich also nicht wundern, wenn ich Ihnen die Wörter auch so vorlese, wie sie da steht. Seestrasse heißt also bei mir Sees-Trasse und nicht See-Straße. Mit freundlichen Grüssen – jaja, Grüssen, nicht Grüßen.